Sechs Monate an BordInterview , geführt von Perry Reisewitz (Compass Communications GmbH) im August 02 für die Clubnachrichten des Herrschinger Segelclubs Christian Kellner segelte im letzten Jahr auf einer 10 Meter-Yacht von Kreta zu den Kanaren und zurück nach Gibraltar. Christian Kellner segelt, seit sein Vater ihn 1967 mit wenigen Monaten zum ersten Mal mit auf ein Schiff nahm - damals ein Korsar auf dem Ammersee. Seitdem ist das Segeln für ihn eine Passion. Das zeigt sich nicht nur daran, dass er in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Erfolgen eingefahren hat, allein im letzten Jahr als Steuermann sieben erste Plätze: beim Frühjahrspreis Starboot, beim German Open Joker, bei der Deutschen Meisterschaft Dyas 01 und beim Europacup Dyas 01, daneben bei der Pfingstregatta 505er, beim Dyas Maiauftakt und beim Herrschinger Dyas Preis. Seit einigen Jahren ist er zudem Miteigner einer gut 30 Jahre alten 10,50 m langen Sparkman-Stevens-Yacht, die bis 2001 in der Bucht von Marmaris lag. Mit diesem Schiff entschloss er sich, seinen Traum vom Langzeitsegeln zu verwirklichen. Das Gespräch führte Perry Reisewitz. PR: Christian, du hast gut ein halbes Jahr an Bord deines Schiffs gelebt, bist quer durch's Mittelmeer gefahren und hast intensiv die Kanarischen Inseln erkundet. Ging das so einfach, ein halbes Jahr auszusteigen? ChK: Die Planungsphase war schon umfassend. Ich war hier an einer Filmspulenproduktionsfirma beteiligt und war auf der Suche nach Veränderung. Also habe ich meinen Anteil verkauft und bin bei einem Freund in eine Tiefbaufirma eingestiegen. Aber nach drei Monaten war klar, dass ich mich dort nicht besonders wohl fühlte, und mich dort nicht langfristig binden wollte. Also habe ich das mit schlechtem Gewissen meinem Partner erklärt und er hat dafür viel Verständnis gezeigt. Also nahm ich meinen Plan von einem langen Törn endlich in Angriff. PR: Du bist einhand gesegelt? ChK: Einige Passagen, ja. Gerade am Anfang. Mein Segelpartner Hannes, dem das Schiff mir zusammen seit vier Jahren gehört, wollte mir die Yacht nach Sizilien bringen. Von dort wollte ich starten. Über den Atlantik in die Karibik. Aber als Hannes mit dem Schiff aus der Türkei ausreisen wollte, gab's bereits den ersten Ärger. Die Marina, in der das Schiff lag, war zwischenzeitlich verkauft worden und alle Papiere, die wir zum Ausklarieren brauchten, waren verschollen. Hannes entschloss sich, ohne Zollabfertigung auszulaufen. Da er viel Zeit verloren hatte, brachte er das Schiff schließlich nach Kreta. Von da bin ich dann alleine nach Sizilien gesegelt. PR: Begann denn dein Törn so, wie du ihn dir vorgestellt hast? ChK: Der Start war eine komplette Katastrophe, und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Ich habe mir kurz vor der Abreise in Deutschland noch eine Schleimbeutelentzündung im Knie zugezogen, die ich nicht auskuriert habe. In den ersten Wochen war das Bein deswegen teilweise richtig dick geschwollen und ich konnte mich weder hinknien noch richtig auftreten. Dem Schiff ging es ähnlich. Der Impeller der Wasserpumpe war defekt, der Krümmer geplatzt,so dass, sobald der Motor lief, ständig Kühlwasser ins Schiff gepumpt wurde. Ersatzteile waren schwer zu beschaffen. Zudem dachte ich, dass Hannes auf Kreta nicht einklariert hatte, weil er ja in der Türkei nicht ausklarieren konnte. Deswegen habe ich provisorisch einen gebrauchten Impeller eingesetzt, den Krümmer so gut es ging abgedichtet und bin bei Nacht und Nebel losgezogen. PR: Ohne auszuklarieren? ChK: Na ja... Aber der alte Impeller gab seinen Geist nach einer Stunde auf, also bin ich zurück in den Hafen von Retimnon. Zum Glück kam dann schnell der bestellte neue Impeller und ich bin gegen Mittag erneut ausgelaufen. PR: Ohne auszuklarieren? ChK: Na ja... Die griechische Marine fand das gar nicht lustig und forderte mich einige Seemeilen vor dem Hafen auf, den Motor abzustellen und dort liegen zu bleiben. Per Handy habe ich dann Hannes angerufen. Der hatte zum Glück Papiere in Griechenland besorgt und in der Hafenmeisterei von Retimnon deponiert. Darauf ließ mich die Marine zurück in den Hafen. Ich habe den Papierkram erledigt und dann zum 3. mal abgelegt. PR: Geht's jetzt endlich los mit dem Segeln? ChK: Ja und gleich heftig. Am 26.8. bin ich gegen Mittag ausgelaufen. Gegen 21 Uhr frischt der Wind auf, gegen Mitternacht habe ich 7 Bft gegenan, Untiefennavigation... PR: Wenig Zeit zum Schlafen? ChK: Kaum am Anfang. Dann hab ich auch noch die Wellen unterschätzt. Sie erwischten das seitlich angelaschte Banana-Boot und haben 2 Spanngurte einfach durchgerissen. Weg war das Beiboot. PR: Und immer noch keine Zeit für Erholung? ChK: Doch, ein wenig. Ich bin dann mit automatischer Steuerung gut vier Stunden auf einem Bug gesegelt. Man kann, wenn es einigermaßen klar ist, gut eine halbe Stunde vorausschauen. Ich habe mich also hingelegt. PR: Eine halbe Stunde? ChK: Eine Stunde. Sonst erholt man sich nicht richtig. Die zweite halbe Stunde birgt ein gewisses Risiko. Aber wach war ich dann gegen 3 Uhr sowieso wieder, weil sich die Selbststeuerung verabschiedet hatte. Am Morgen war ich völlig übermüdet. Als ich ein Stück motore, um in Lee an der Insel Antikithyra vorbeizukommen, setzt der Motor aus. PR: Bitte keine technischen Details. Machte der Törn da eigentlich noch Spaß? ChK: Zu diesem Zeitpunkt kaum noch. Motor defekt, Schlauchboot weg, Selbststeuerung im Eimer, mein Bein geschwollen, eine großflächige Sonnenallergie am Arm, dann setzt der Wind ganz aus, dafür steht eine großartige Dünung - von meiner Anfangsbegeisterung war da nicht viel übrig. PR: Und das Erfolgsrezept gegen Frust auf See? ChK: Hatte ich dann schnell raus: Dany´s Hardcoresound in die Anlage und in der Hausdisco abgetanzt, Kühlschrank an für kaltes Bier, Nudeln mit Gorgonzola. Außerdem hab ich den Motor nach ein paar Stunden Basteln wieder hinbekommen. PR: Beginnt jetzt endlich die Segelromantik? ChK: Ein Vorgeschmack davon: Abends rollt angenehm eine lange Dünung seitlich unter mir durch, obwohl der Wind immer noch von vorne kommt. Vollmond. Ich versuche etwas vorzuschlafen, falls mehr Wind ansteht. Dann ein wunderschöner Morgen. Und dann beißt irgend ein Riesenfisch die Stahlhaken von meinem Blinker weg. Normalerweise reist doch die Schnur. PR: Nicht richtig festgebunden? ChK: Gleich passiert was. Oder am nächsten Tag. Da passierte mir das Gleiche nämlich noch mal. Diesmal sehe ich den Monsterfisch: Er verabschiedet sich mit meinen stärksten Stahlvorläufer samt Blinker - einfach weggekaut. PR: Und die seglerische Seite? ChK: Ach ja, gut soweit. Südwest 5. Mit festegebundener Pinne unter Vollzeug. Das Schiff segelt alleine mit 5-6 Knoten am Wind, wenn ich selbst steuere mache ich 6-7 Knoten, bin aber zu faul. Ich liege lieber im Großsegel und lese, bei Südwest scheint dann die Sonne immer genau auf den Bauch und ins Segel. Meine Laune steigt weiter und ich gönne mir einen Greek Coffee und einen Schwarzwälder Kirsch Kuchen (den leider nur in meiner Phantasie). PR: Klingt wie in Herrsching am Dampfersteg. ChK: Aber da macht man sich keine Gedanken, wie's weitergeht. Ursprünglich wollte ich in die Karibik. Jetzt kommen mir Bedenken, ob ich mich in Sachen Fahrzeit und Finanzkraft nicht verschätzt habe. Als Ersatzroute kommt mir in den Kopf: Mallorca - Gibraltar - Tarifa - Kanaren und zurück nach Mallorca. PR: Alles alleine? ChK: Nee, ab Sizilien ist mein alter WG-Mitbewohner Doolee mit von der Partie. Er segelt mit mir bis zu den Kanaren. Als ich dann umdrehe Richtung Gibraltar, kann ich ihn an ein anderes Schiff vermitteln, das tatsächlich den Schlag über den Atlantik macht. PR: Ein alter Salzbuckel also? ChK: Doolee? Ich glaube, Salz kannte er bis dahin nur aus dem Streuer. Aber dafür ist er Bootsmotormechaniker. Wir treffen uns in Scilla, am Nordausgang der Strasse von Messina. Eigentlich wollte ich in Messina auf ihn warten. Die Aufnahme dort war gar nicht schlecht. Eine atombusige Bedienung stellte mir hier gleich umsonst eine Maß Bier auf den Tresen. Ich sei doch aus Bayern, da müsse ich doch viel Bier trinken. Aber bei 40 € pro Nacht Liegeplatzgebühr hat sich das nicht gerechnet. PR: Wie macht sich denn der Jungsegler? ChK: Ich habe seinen Mut für die Entscheidung von Anfang an bewundert. Ich hatte ihn zufällig in einer Kneipe getroffen und dachte, das wär doch prima. Er brauchte eine Stunde für seine Entscheidung. Wir hatten dann auch gleich das richtige Wetter zum Eingewöhnen - wieder mal 7 Bft. gegenan und nach 8 Stunden zudem gut 30 cm Wasser in der Kajüte. Keine Ahnung, woher. Doolee gewöhnte sich langsam daran, mit mir Ruder zu gehen und Wasser zu schöpfen. Nach fünf Tagen und diversen Suchaktionen konnten wir das Leck auf Sardinien an einem Kran dann orten: ein gebrochenes Stevenrohr. PR: Von da ab dann ohne Katastrophen? ChK: Na ja, fast. Ich flog dann zur Weltmeisterschaft der 505er nach Lissabon - mit Platz 35 von 106 Teilnehmern. Dass war schon eine kleine Enttäuschung, aber der internationale Flair war bei 15 Nationen unübertrefflich. Und zurück auf Sardinien laufen wir schnell aus, laufen aber bereits in der nächsten Nacht vor der Hafeneinfahrt der Insel Antonioco vor einem unbeleuchteten Felsen auf Grund. Aber zum Glück nur auf Sand. PR: Klingt immer noch nicht nach der großen Segelromantik. ChK: Setzt jetzt endlich ein. Mit 7-8 Bft. Richtung Menorca, leckeren Doraden von der Angel und einem großartigen Etmal von 160 sm. Nach 36 Stunden sind wir im Hafen von Mahon, danach Ibiza und die nahe gelegene Insel Formentor, dann bei leichten Winden bis nach Cartagena ans spanische Festland. Viel gutes Wetter und großartiges Segeln. So, wie man das aus Reiseprospekten kennt. Auf der Tour von Menorca bis zu den Kanaren treffen wir dann immer wieder die gleichen Segler. Die amerikanische Weltumseglerin Judy auf ihrem Zweimaster Discovery etwa. Oder Philipp auf seinem H-Boot, mit dem er über den Atlantik will. PR: Also viele Erlebnisse mit Menschen. Wie steht's mit der Natur? ChK: Über's Wetter will ich gar nicht reden. Auf dem Weg nach Gibraltar sehen wir zum Beispiel eine große Schule Delphine. So nah, dass Dooley vom Bugkorb aus eine Rückenflosse berühren kann. Neben uns üben sie Schauspringen zu sechst im Gleichtakt. Und während meiner Törns zwischen den Kanaren dann mehrere Wale ganz nah. Das sind Momente, die ich immer noch so in Erinnerung habe, als wär's gerade erst passiert. PR: Und dann ist das Mittelmeer zu Ende. ChK: Ja, nicht nur für uns. In Gibraltar liegen wir mit der Discovery und mit Philipp zusammen im Hafen. Alle wollen weiter, aber die Vorhersage liegt bei Ost 7-8 Bft. Irgendwann entschließen sich zwei große englische Yachten und werden mit stattlicher Zeremonie verabschiedet. Aber schon nach 24 Stunden sind beide wieder zurück. Das macht natürlich alle nervös. Wir entschließen uns trotzdem zum Auslaufen, da wir nicht riskieren wollen, dass der Wind später auf West umschlägt und uns entgegenkommt. Wir laufen mit der Discovery zusammen aus, aber sie zieht uns bald davon. Der Wind ist wie vorrausgesagt in der westlichen Straße Levante mit 7-8. Aber die Welle ist sehr ruppig, Doolee ist seekrank und irgendwann bricht der Großbaum in einem Wellental beim abbremsen an. Zum Glück können wir weitersegeln. Nach 12 Stunden wird es dann gemütlicher und wir denken an die Kanaren. PR: Das war eine Entscheidung nicht ganz ohne Risiko, nicht? ChK: Im Nachhinein war die Entscheidung richtig. Alle Schiffe, die nach uns ausliefen, hatten große Probleme, da es weiter aufbrieste. Philipp kenterte mit seinem H-Boot und musste in der Not an der marokkanischen Küste ankern und ein schwedischer Segler verlor seine Frau in der Nacht im Sturm. PR: Das sind nicht gerade die Geschichten, die die Attraktivität des Segelsports steigern. ChK: Das sind die Geschichten, mit denen man daran erinnert wird, dass die Natur da draußen ganz gewaltig ist. Man darf den Respekt vor ihr nicht verlieren. PR: Gilt das auch für die Kanaren? ChK: Ich habe mehr als sechs Wochen von Gomera aus Mehrtagestörns unternommen - nach La Palma, nach Lanzarote, nach Teneriffa, nach Hierro. Das Revier ist anspruchsvoll und an Wind und Wellen merkt man, dass man nicht mehr im Mittelmeer segelt. Aber es ist ein traumhaftes Segelgebiet. Man tut den Kanaren unrecht, sie nur als Sprungbrett über den Atlantik zu betrachten. Wer das macht, kennt meist nur den Hafen von La Palma. PR: Und dann geht deine Zeit langsam ihrem Ende zu? ChK: Ein paar Wochen noch. Ich bin erst nach Madeira gesegelt. Von dort mit zwei Mitseglern zurück nach Gibraltar, um schließlich das Schiff zu verkaufen. PR: Am Ende - was fragt man? Hat es sich gelohnt? Würdest du es wieder machen? Würdest du es erneut machen? ChK: Gelohnt? Ja, auf jeden Fall. Ich habe die Entscheidung keinen Moment bereut. Ob ich es erneut machen würde - jetzt hat mich erst einmal das bürgerliche Leben zurück. Ich arbeite wieder in der Filmspulenproduktion. Zudem bin ich ziemlich sicher, dass meine Freundin, mit der ich seit über 14 Jahren zusammen bin, einen solchen Alleingang nicht zum zweiten Mal mittragen würde. Die sechs Monate an Bord sind für mich eine großartige Erfahrung, die meinen Spaß am Segeln eher gestärkt hat. Nach wie vor suche ich nach einer guten Gelegenheit mich hauptberuflich mit dem Segeln zu beschäftigen(Eröffnung Segelschule...).
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